„Spätestens seitdem Gott für tot erklärt wurde, ist jeder einsam.“ Michael Haneke auf der lit.Cologne

Michael Haneke signiert auf der lit.Cologne 2018 nach dem Event: „Ich bin gern der, der in die Wunde hineinsticht“ – Michael Haneke über Michael Haneke. Foto: Copyright Kulturklitsche.de

Die lit.Cologne 2018 hat nach zehn Jahren der stetigen Anfrage nun endlich den vielfach Oscar preisgekrönten, österreichischen Regisseur Michael Haneke für sich gewinnen können. Ob „Das weiße Band“, „Funny Games U.S.“, „Das Schloss“ oder „Liebe“, seine Filme gehen unter die Haut und rütteln mehr auf, als das sie leicht verdauliche Kost sind. Im besten Fall solle der Zuschauer verändert sein, nach dem Film, so Haneke. Das Schreiben seiner Drehbücher sei ihm wichtiger, als die Dreharbeiten. Der Moderator und Kulturredakteur Knut Elstermann fragte Haneke im voll besetzten Saal des Kölner WDR Funkhauses am 14. März 2018, was sein Motor sei, wie er schreibe und wie das Geschriebene in den Einklang mit dem großen Ganzen des Films komme.

Wie findet ein Michael Haneke seine Themen? „Die Geschichten liegen auf der Hand“, so beteuert es der Filmemacher auch gegenüber seinen Studenten der Wiener Filmakademie als Professor für Regie. „In jeder Boulevardzeitung sind zehn Geschichten, man muss nur etwas draus machen.“ Wie man den Stoff dann zusammen setzt, sei u.a. wegen folgendem Umstand wichtig: „Wenn der Zuschauer sich einmal langweilt, dann ist es wahnsinnig schwer, ihn wieder zu gewinnen.“ Langeweile führe zu Unruhe im Kinosaal – es raschelt hier und da, die Huster mehren sich und es sei nunmal recht schwer, die Aufmerksamkeit eines Kinosaals wieder zurück auf die Leinwand zu bekommen. Aber erfahrene Regisseure bekämen das mit den richtigen Mitteln hin, so der Filmemacher.

Wie arbeitet Haneke selbst?

Haneke erzählte im Saal des WDR Funkhauses den gespannten Zuhörern, wie er seine Drehbücher schreibe. Zu allererst suche er das Material zusammen, bis er denke, dass könnte für sein ausgesuchtes Thema reichen. Dann gebe er die Ergebnisse seiner Recherche in den PC ein. Dort wiederum markiere er mit Farben, welche Geschichte zu welcher Person passe. Die verschiedenen Teilstränge der Gesamtgeschichte kämen dann auf Karten, die er auf einer Pinnwand aufhänge. „Zwei Drittel der Karten kann man wegschmeißen“, erzählte Haneke. Es sei wichtig, die Vorarbeit, die Strukur der Geschichte zum Film, möglichst gut zu machen. „Wenn man die Struktur richtig macht, dann ist das Schreiben, die kreative Arbeit, recht angenehm.“, schwärmte er.

Michael Haneke und Knut Elstermann auf der lit.Cologne 2018 beim Event: „Ich bin gern der, der in die Wunde hineinsticht“ – Michael Haneke über Michael Haneke. Foto: Copyright Kulturklitsche.de
Michael Haneke und Knut Elstermann auf der lit.Cologne 2018 beim Event: „Ich bin gern der, der in die Wunde hineinsticht“ – Michael Haneke über Michael Haneke. Foto: Copyright Kulturklitsche.de

Improvisiert Haneke?

Elstermann fragte den Regisseur: „Sie sind kein Freund der Improvisation, nicht?“ Haneke:“ Nein, nein. Ich glaube auch nicht, dass es funktioniert.“ Während der Dreharbeiten lehne er dies ab. „Jede Minute kostet wahnsinnig viel Geld.“ Wenn man nicht wisse, wohin, versuche man vielleicht zu improvisieren, was er eher bei Anfängern sehe. Außerdem wisse er ja, was er vor habe, welche Vision er habe. Bei ihm seien drei Minuten Film pro Tag ein guter Schnitt, so Haneke.

Diskussion vor dem Dreh?

In dem Kontext kam das Gespräch zwischen Hanke und Elstermann auf die Schauspieler, die über die Vision diskutieren mögen – oder auch nicht. „Die Binoche diskutiert gern – ich hasse diskutieren!“, so Haneke. In seiner 68er Generation hätten alle Studenten Stunden und Tage diskutiert. „Das war furchtbar.“ Bei seinem Dreh sei Diskussion über die Interpreation der Geschichte verpönt: „Wir diskutieren nicht, denn ich weiß ja, wie es gemeint war“, so der Filmemacher, worauf Lacher aus dem Publikum im WDR Funkhaus zu hören waren. Er gebe seinen Schauspielern stets das Drehbuch vorab zu lesen mit: „Ich gebe den Schauspielern immer das Buch dazu und sage, wenn du eine Frage hast, dann frag mich. Es fragt mich aber nie jemand was, was mir auch sehr recht ist“, so der Drehbuchautor, worauf wieder amüsiertes Gelächter aus dem Publikum kam. „Isabelle fragt nie.“ Damit meint er Isabelle Huppert, mit der er vier Filme gedreht hat: „Die Klavierspielerin“ (2001), „Wolfzeit“ (2003), „Liebe“ (2012) und „Happy End“ (2017).

Die Rolle der Schauspieler

Hanekes Eltern waren Schauspieler, daher habe er iel gelernt und war mit deren Welt vertraut. Die richtige Person für eine Rolle zu finden, sei essenziell, laut Haneke. „Es ist eine Banalität, aber es ist unterschätzt. Wenn eine Rolle falsch besetzt ist…“ Er erzählte weiter, dass dies jedem Mal passiere, ihm auch. Das sei dann natürlich sehr peinlich für alle Beteiligten. Es könne auch sein, dass er sich mit jemandem im Gespräch ganz wunderbar verstehe, man die selben Ansichten vom Leben habe, aber dann beim Dreh komme raus, dass man dort in zwei verschiedenen Welten lebe. Deswegen arbeite er auch gern immer wieder mit Leuten zusammen, mit denen er gute Erfahrungen gemacht habe.

Und wie geht Haneke mit Schauspielern um? „Man muss Schauspielern das Gefühl geben, dass sie einem vertrauen können. Wenn ich drei Mal Blödsinn zu Leuten sage, dann verlieren sie das Vertrauen in dich. Zweitens muss man ihnen das Gefühl geben, dass sie wichtig sind, denn sie sind wichtig. Das hat auch nichts mit Eitelkeit zu tun. Natürlich sind Schauspieler auch eitel, wie jeder, wie Regisseure auch und wie alle. Aber Schauspieler geben sich her, geben ihr Herz her, reißen sich auf, vermarkten den Film, lassen in ihr Innerstes schauen – das ist kein einfacher Beruf.“

Michael Haneke bei seiner Arbeit

Elstermann fragte Haneke im Kontext des Themas Eitelkeit nach den Persönlichkeiten, die unerschütterlich an sich glauben, und wie er sich selbst einschätze. Der Regisseur entgegnete: „Ich war schon ein ängstliches Kind und bin auch ein ängstlicher Mensch. Diese Unerschütterlichkeit, das unüberwunbare Selbstvertrauen, das ist auch immer mit Dummheit verbunden, muss ich sagen.“ Lautes Gelächter aus dem Publikum. „Ich war aber auch immer fleißig … „, erklärte der Filmemacher seinen Erfolg. „Man muss auch in der Lage sein, einen Ablauf auch für die Mitarbeiter verständlich festhalten zu können.“ An solche Dinge denke ein unerfahrener Mensch vielleicht nicht, aber diese sollen laut Haneke nunmal auch den Erfolg eines Projektes ausmachen.

Auf der anderen Seite schätze Haneke auch gute Mitarbeiter. „Ich bin ein treuer Mensch. Wenn ich gute Mitarbeiter habe, wäre es dumm, wenn ich nicht wieder mit diesen zusammen arbeiten würde.“ Weiter gab er zu: „Es ist auch die Angst vor dem Unkontrollierbaren.“

Seine eigene Arbeit habe mit den Jahren eine bestimmte Handschrift bekommen. „Eine Handschrift ist abhängig von tausend Erfahrungen.“ Er selbst habe ja erst recht spät im Leben den ersten Film gedreht. Seinen ersten Kinofilm hatte er mit 42 gemacht, den ersten Fernsehfilm allerdings mit 32 Jahren. Und wie komme er zu seinen Filmen? Haneke fragt selbst: „Ergibt sich die Form, weil man das Thmea hat, oder findet man das Thema, weil man die Form hat? Ich weiß es nicht, das ist ja die Frage nach dem Huhn und dem Ei.“

Filmthemen

Was den Unterschied zwischen den Themen des Hollywood-Mainstreamkinos und der Autorenfilme angeht, die Haneke bevorzugt, so äußerte sich der Filmemacher: „Wir sehen nur eine Behübschungsstrategie, eine Verschönerungsstrategie … und das finde ich relativ ungesund. Wenn Dinge weh tun, das ist was anderes, als beim Mainstreamkino.“ Er selbst sagte ja: „Ich bin gern der, der in die Wunde hineinsticht“. Eine verschönerte Sicht auf das Leben wolle er in seinen Filmen nicht zeigen.

Filme in Zeiten des Internet

„Heute kann jeder mit der Handykamera einen Film machen und das finde ich toll. Das ist eine Möglichkeit, um etwas gegen diesen Moloch des amerikanischen Mainstreamfilms zu setzen.“ Er erläuterte: „Wir leben in finsteren Zeiten, es ist ja so. Und, dass der ein oder andere sich bemüßigt findet, sich damit auseinander zu setzen, das mag wohl sein.“ Damit meinet er natürlich auch sich selbst. Aber: „Ich bin kein Provocateur“ Er erklärte, dass er sich einfach mit Dingen auseinandersetzte, ohne die Rolle des Provocateurs dabei spielen zu wollen.

Was treibt Haneke zu diesen düstereren Themen an?

„Es sind ja Dinge, die gibt es ja, Facebook etc., das erfinde ich ja nicht, das gibt es ja. Ich sehe nur einsame Menschen dort. Spätestens seitdem Gott für tot erklärt wurde, ist jeder einsam.“ Zu dem Film im Kontext mit der Kunst und der Musik sagte der Regisseur: „Bilder haben ja auch eine Wirkung auf die Seele, von Musik brauche ich gar nicht reden.“ Und Bücher habe er schon immer gelesen und dies sei für ihn auch stets das größte Vergnügen gewesen. Sein Gegenüber, Knut Elstermann, schmunzelte und merkte an, wie gut doch Haneke auf die lit.Cologne passe.

Hanekes moralischer Anspruch

Der Kulturredakteur fragte Haneke nach seinem moralischen Anspruch. Haneke entgegnete: „Mein moralischer Anspruch ist die Ästhetik. Ästhetik hat für mich eine Moral. Das sag ich auch immer meinen Studenten. Es gibt nur eine Moral, nämlich die Moral der Form.“ Manchen jungen, studentischen Filmemachern, die sich gleich große Themen, wie den Holocaust vornehmen, rate Haneke davon ab, da sie viel zu jung dafür seien, sie könnten sich gar nicht gut genug auskennen. Dies hänge aber auch mit der Filmförderung zusammen, die manches Mal auch für Trendthemen Förderungen vergebe. „Es gibt immer Themen, die gerade in sind, das ist ein Problem.“ Vereinzelter Applaus aus dem Publikum folgte. „Es ist so billig darüber einen Film zu machen, was gerade in ist. Ich denke dann immer: Hat er oder sie nicht ein Thema, das mehr über ihn oder sie geht? Und nicht ein Thema, das gerade die Leitartikel widerspiegelt?“ Das hinge aber auch damit zusammen, das junge Menschen noch nicht ganz wissen würden, wer sie seien. Haneke gab aber auch zu:“ Ich bin jetzt 76 und weiß immer noch nicht, wer ich bin.“ Und: „Filme, die ich später gemacht habe, sind erwas komplexer, als Filme, die ich früher gemacht habe.“

Reaktionen auf Hanekes ersten Film

„Deswegen ist die Filmförderung in unserem Land etwas so wichtiges. In meinem ersten Film hatte ich 5000 Zuschauer, das war ziemlich deprimierend. Aber die Filmförderung hat mich einen zweiten Film machen lassen, weil sie an mich geglaubt haben.“ Und weiter: „Die ersten Filme waren ja keine realistischen Filme, das waren Modelle. In Frankreich habe ich begonnen mich von der Brechtschen Art zu der Tschechowschen Art zu bewegen. Das hat weniger mit Frankreich, als mehr mit meiner persönlichen Vorliebe zu tun. Und meiner Ablösung von Bresson.“ Am Anfang wollte Haneke immer Filme wie der französische Filmemacher Bresson machen, hatte er erzählt.

Themen der heutigen, westlichen Welt

In Hanekes Augen sieht es heutzutage so aus: „Film ist das manipulationsfähigste Mittel. Inzwischen ist es eigentlich das Internet, aber damals war es noch der Film. Herr Trump wäre heute nicht Präsident, wenn es das Internet nicht geben würde.“ Was harte Themen der dritten Welt und anderer Brandzonen angeht, so findet der österreichische Drehbuchautor und Regisseur: „Wir sind so privilegiert, dass wir das Anrecht auf die Tragödie verloren haben.“ Über Filmemacher und Menschen in brenzligeren Gebieten sagte er: „Die haben etwas, wofür sie kämpfen, wofür sie brennen, da ist Not und Wut, da muss man nur Schauen, wie man das rüber bringt.“ Seine hiesige Zunft kommentierte der Filmemacher wie folgt: „Wir treten seit langem auf der Stelle, ich und meine Kollegen. Und ich denke mir, irgendwann wird schon ein Genie kommen, das etwas Neues bringt. Ich und meine Kollegen, egal wer es ist, ein Lars von Trier oder sonst wer, jeder bedient sich des Sarkasmus, weil es ernst gar nicht mehr geht, aus unserem Blickwinkel heraus.“

Elstermann sprach Haneke auf seine talentierten Studenten an und der Regisseur erzählte überschwänglich davon, wie gerührt er nach dem Film eines seiner Schützlinge war. „Wenn man ein großes Kunstwerk sieht, ist man dankbar.“ Er ergänzte: „Das einzig vernünftige, das die Menschen erschaffen haben, war die Kunst.“ Hierauf folgtw ein wenig Applaus aus dem Publikum. „Ich habe den Film eines Studenten gesehen, der hatte eine Offenheit, das hat mich überrascht und gefreut – ich habe ihn sogar nach dem Fim umarmt. Das ist mir bei meinen Studenten noch nie passiert. Das hat jetzt auch nichts mit der Mee too-Bewegung zu tun.“

Haneke über sein Publikum

Michael Haneke und Knut Elstermann auf der lit.Cologne 2018. Foto: Copyright Kulturklitsche.de
Michael Haneke und Knut Elstermann auf der lit.Cologne 2018. Foto: Copyright Kulturklitsche.de

„Ich glaube nicht, dass ein schwer arbeitender Mensch sich abends hinsetzt und einen Haneke Film schaut.“ Er ergänzte: „Die haben auch ein anderes Wertesystem, die arbeiten und tun und machen… da ist der Antrieb anders. Das ist was anderes, als bei privilegisierten Menschen, die probieren mal das Tanzen aus eine Weile oder dies oder das – die Probieren nunmal, das ist etwas anderes, als Leute, die Dinge mit einer größeren Anstrengung machen – und das mit einer großen Ernsthaftigkeit. Die Ernsthaftigkeit macht den Unetrschied aus, das sieht man dann auch an der Arbeit. Wenn Sachen nicht mit einer großen Ernsthaftigkeit entstehen, dann werden sie vielleicht auch nix.“

Und dass Haneke seine Arbeit sehr ernst nimmt, das hat er nicht nur beschrieben, sondern auch bewiesen. Knut Elstermann bedankte sich entsprechend nicht nur für das Gespräch, sondern auch für Hanekes Filme, die in dessen Augen die Kraft hätten, Menschen zu verändern, gerade weil sie in die Wunde stechen würden.

Nach der einundhalbstündigen Veranstaltung nahm sich Michael Haneke Zeit, Bücher zu signieren, was auch etliche Besucher nicht nehmen lassen wollten. Sogar ein kurzer Wortwechsel mit den Interessierten war noch drin.

Über Michael Haneke

Michael Haneke, geboren 1942, studierte Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft in Wien. Er wurde Redakteur und Fernsehspieldramaturg, dann freier Theaterregisseur. Ab 1974 arbeitete Haneke als freischaffender Regisseur und Drehbuchautor. Seine Filmproduktionen feierten internationale Erfolge. Für „Die Klavierspielerin“(2001) gab es den Deutschen Filmpreis, „Das weisse Band“(2009) wurde u.a. mit der Palme d’Or in Cannes ausgezeichnet, „Amour“(2011) bekam den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.