„Was ist Gegenwartskunst? Zur politischen Ideologie.“

Kunst im Kontext #35, "Was ist Gegenwartskunst? Zur politischen Ideologie." Vortrag von Alexander García Düttmann im Filmforum NRW, Museum Ludwig Köln. Copyright Foto: Kulturklitsche.de

Was ist Gegenwartskunst? Ist doch logisch, wird der ein oder andere denken. Die Antwort liegt auf der Hand. Wirklich? Der erste Gedanke kann richtig sein, oder auch zu kurz greifen. Vielleicht haben Sie Lust, einen Gedankenspaziergang dazu mit zu gehen. Der Vortrag zu „Kunst im Kontext“ der Ausgabe #35, „Was ist Gegenwartskunst? Zur politischen Ideologie.“ von Alexander García Düttmann fand am 29. Januar 2018 im Filmforum NRW, im Museum Ludwig in Köln, auf Einladung der Gesellschaft für Moderne Kunst, statt.

Gegenwartskunst im Kontext ausgewählter Philosophen

Alexander García Düttmann leitete seine Antwort zur Frage, was Gegenwartskunst sei, ein, indem er seine Sicht in den Kontext der Ansichten anderer Denker setzte. Dazu bemühte er den französischen, marxistischen Philosophen Alain Badiou, der laut ihm sagte: „Es gibt keine Gegenwartskunst“. Gegenwartskunst sei entweder wie eine Verfallskunst der modernen Kunst oder müsse erst noch geschaffen werden. Düttmann erläuterte zudem die Sicht des viel diskutierten italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der oft zu Themen der Zeit Stellung nimmt. In Agambens „Creazione e anarchia“ stehe in Kapitel 1 über die Archäologie der Kunst, Gegenwartskunst nach Duchamp sei „das belangvollste Moment“, das man sich vorstellen könne. Die sei so, weil man mit der Gegenwartskunst dort ans Licht gelange, wo vorher Dunkelheit gewesen sei. Der in der Kunstwissenschaft- und Geschichte alte Konflikt zwischen Kunst und Werk sei dabei eine vollkommene Verantwortungslosigkeit. Galeristen, Aussteller und Kuratoren täten so, als würde nach dem Schaffen des Kunstwerks alles so weiter gehen, wie zuvor. In meinen Augen bedeutet dies, das Agamben sich dafür ausspricht, Kunst im Kontext habe also auf jeden Fall einen Effekt, der nicht zu leugnen sei. Weiter erläuterte Düttmann, dass die künstlerische Tätigkeit und das fertige Werk sich ergänzen, sich einander bedingen, man könne sie weder trennen, noch miteinander vereinbaren. Dies sei der Konflikt der Kunstmaschine.

Performance als Gegenwartskunst?

Im 20. Jahrhundert sei die Spitze des künstlerischen Konflikts anzusetzen, so Düttmann. Kunst oder Künstler und Werk seien bis zur absoluten Performance übergegangen. Darin bestehe laut Düttmann eine Zweideutigkeit – sei dies eine Aussage des Künstler gegen das fertige Werk, oder ist der Künstler in diesem Moment der absoluten Performance Teil des fertigen Werks? Nach Duchamp sei die Kunstmaschine abgestellt worden, so beleuchtete Düttmann Agambens Sicht. Der Konflikt zwischen Kunst bzw. Künstler und Werk sei alt, aber die Frage sei, ob das Werk der Gegenwartskunst dennoch von dem Konflikt zehre und/oder dennoch daraus reproduziere, davon profitiere.

Wissenschaft vs. Philosophie

Düttmann wollte im Anschluss auf seine eigene Ansicht zum Thema „Was ist Gegenwartskunst?“ kommen. Dazu führte er folgenden Grundsatz ein: Antworten auf Fragen geben Philosophen anders als Wissenschaftler. Wissenschaftlern gehe bei der Beantwortung um Wissen, auf dem sie aufbauen. Philosophen dagegen gehe es um das Denken, welches sie im Zuge einer Fragestellung entwickeln, ohne dabei auf Wissen zurückgreifen zu wollen. Wenn man sich nun als Philosoph mit der Frage beschäftige, was Gegenwartskunst sei, so sei wichtig, was genau bei der Gegenwartskunst anders sei, was bedeutsam, was neu. Um das zu beantworten, müsse man beispiellos unfair sein, so Düttmann. Philosophen geben keine Beispiele, so der Vortragende. Theoretiker dagegen seinen beispiellos gerecht, denn sie würden an Hand von Beispielen beschreiben, was sie meinen und an Hand dessen ihre Antwort belegen wollen. Das Interesse eines Philosophen sei ein anderes. Seine Antwort beinhalte eine Geschichtslosigkeit. Weder die Vergangenheit, noch die Zukunft sei bei der Beantwortung der Frage relevant. Es bleibe aber bei der philosophischen Betrachtung immer ein Überschuss – da die Philosophie beispiellos ungerecht sei. Düttmann warf dann die Frage auf, ob eine kritische Refelxion also nicht möglich sei und konstatierte, dass eine Reflexion mit der Zukunft im Blick ein avantgardistisches Kunstverständnis evoziere, während die Reflexion mit der Vergangenheit im Blick ein modernes Kunstverständnis ergebe. Die Frage nach der Gegenwartskunst müsse anders gestellt werden.

Düttmanns Stellung zur Gegenwartskunst

An dieser Stelle verweis der Vortragende wieder auf Duchamp, der mit dem Ready-Made die Kunstmaschine bereits abgestellt habe. Und doch beschäftigen bzw. berühren manche die Kunstmaschine noch, beziehen sich darauf, oder seien selbst noch in der Kunstmaschine drin. Bestehe Autonomie in der Kunst, ergebe sie keine Waren, kein Produkt. Bei einem Produkt sei die Form der Kunst anders. Düttmann kam im Folgenden zu seiner Antwort, dass es in der Gegenwartskunst keine Autonomie mehr gebe – diese sei immer auch ein Produkt. „Gegenwartskunst ist Form überhaupt. Oder die Form schlecht weg.“

Installationen als Gegenwartskunst

Er überlegte, ob die Installation die gültigste Form der Gegenwartskunst sei. Düttmann zitierte an dieser Stelle Greuss: „Etwas muss erst installiert oder eingerichtet werden, ohne das vorher etwas abgesprochen oder weggenommen wurde. Es ergibt sich.“ So kommt Düttmann zu dem Schluss: „Gegenwartskunst ist eigentlich kein Gegenstand der Interpretation mehr.“ Er erläuterte, Interpretation sei nur bei klassischer oder moderner Kunst möglich. „Und was es auch nicht mehr gibt, ist Kritik.“ Dies sei ein radikaler Ansatz, um der Gegewartskunst gerecht zu werden – denn die Gegenwartskunst sei bereits abgestellt worden durch Duchamp. So würde sich mit Düttmanns Sicht ein Kreis schließen.

Gegenwartskunst als Experimentierbarkeit des Möglichen

Desweiteren folge laut Düttmann, dass Machen und Tun immer gegenwärtig sei. Gegenwartskunst sei die Experimentierbarkeit des Möglichen. Das reine Machen sei eine Fiktion – wenn dem nicht so wäre, wäre es nur denkbar, was wiederum Fiktion bedeuten würde. Das reine Machen sei in einer Rahmung. Damit sagt Düttmann, dass das Machen also immer einen Kontext habe. „Das reine Machen gibt es nicht. Das reine Machen ist die Leidenschaft der Gegenwartskunst. Und Sie brauchen nichts zu wissen, um Gegenwartskünstler zu sein.“

Gegenwartskunst = liberal-kapitalistisch?

Im Anschluss machte Düttmann den Zusammenhang zwischen autonomer und heteronomer Kunst auf. Die Heteromonie, also die Waren, der Markt, stünden für den Profit, den man mit Kunst erzielen könne, via dem neoliberalen Kapitalismus. Reines Machen reiche, um Macht zu erlangen. Die Fiktion sei hier wieder der Rahmen, denn es gehe bei der Machterhaltung um das reine Machen. Letztlich sei die Gegenwartskunst sehr liberal-kapitalistisch. Meiner Meinung nach kann dies nicht komplett widerlegt werden. Naiv ist, wer dies vollkommen verneinen mag. Laut Düttmann seien Gegenwartskünstler geschickt und umtriebig, wenn es um den Markt gehe.

Gegenwartskunst im Kontext Duchamps

Der Vortragende ging weiter und stellte die Frage, ob die Kunst wiederum eine Frage aufwerfe, die das Werk in ihr Experimentierlabor begebe. Wenn die Kunst sich ganz auf das Machen oder Tun konzentriere, wäre das Machen oder Tun ein Frevel. „Weil es das, was es ist, nicht sein lässt. Es ist zwanglos immer auf Kollisionskurs, weil es nicht akzeptiert, was ist. Das ist der unschuldige Frevel, den die Gegenwartskunst am sein Lassen begeht.“ Die Kunst sage, so Düttmann: „Lass die Finger von der Kunst, das kannst du nicht, das muss man erstmal lernen.“ Ein reines Machen führe zu einem Indifferenzpunkt, an dem man keine Unterscheidung mehr machen könne. Treffe Kunst mit dem Indifferenzpunkt zusammen, sei es nunmal ein reines Machen – und das wiederum könne eventuell die Gegenwartskunst ausmachen. Er sagt es mit Melvilles Romanfigur Bartleby: “I would prefer not to”. Das sein Lassen ist hier also ein „nicht Machen“. Es sein Lassen könnte sonst natürlich auch bedeuten, etwas oder jemanden so sein zu lassen, wie es oder er/sie ist. So zum Beispiel das Ready-Made Duchamps. Die Gegenwartskunst, könnte man sagen, ist einfach so, bzw. könnte man voraussetzen, sie auch so sein zu lassen, wie sie ist.

Düttmann kam dann erneut auf Duchamp zurück. Diesen habe beschäftigt, was die Kunst seit ihrem Anbeginn antreibe. Also der Pol des Werks, der antike Moment, zudem das künstlerische Tun, der Pol, der Konflikt dazwischen. Einmal mehr der Pol, mal mehr der andere Pol.

Das Ready-Made führe zum Sein ohne Kunstmaschine, denn das Ready-Made sei einfach da, kein Pol sei mehr überwiegend. Düttmann sagte dazu, dies stimme nicht, denn er als Philosoph wolle keinem Wissen, sondern einem Denken gerecht werden, dem entgegen kommen. Der Künstler wolle einer Lebensform – seinem Glück – entgegen kommen. Es sei kein reiner Gebrauch. Sondern das Leben des Künstlers, welches Dinge rein gebrauche. Ohne sich diese anzueignen. Düttmann fragte sich, ob es überhaupt gebe – Gebrauch ohne Aneignung. „Also tun – oder sein lassen?“

Agamben habe laut Düttmann gesagt, dass die Gegenwartskunst wirklich anerkennen müsste, dass Duchamp die Maschine bereits abgestellt habe. Das tue die Gegenwartskunst aber häufig nicht, die Gegenwartskunst sei in der Lebensform des Künstlers immer noch drin. Oder in der Performance, in der es darum gehe, eine Lebensform zu kreieren.

Worum geht es der Gegenwartskunst?

Laut Düttmann sei auffällig, das ein Zug bzw. Merkmal der Gegenwartskunst eine gewisse Umtriebigkeit sei, z.B. durch die Vernetzung, Globalisierung. Biennalen seien reine Kapitalveranstaltungen. Die Gegenwartskunst sei nicht wirklich dort zu suchen. Oder aber gerade da, wegen des Machens, des reinen Machens, der Profitisierung. In dem Fall gehe es allein darum, dass es weiter gehe. Ohne Wertung, in Form von gut oder schlecht. Dies rühre an ein sein lassen. Hier bestünde keine Deutung mehr. Kunstmagazine wie „Art“ und „Monopol“ brauche man dann nicht mehr. Denn wozu? Wenn Kritik und Deutung nicht mehr möglich wären, was bleibe dann? Eine Kenntnisnahme, welches wiederum zu einem Machen führe, einem reinen Machen. „Kunstkritiker und Deuter haben ausgedient, wenn es um die Gegenwartskunst geht“, so Düttmann.

Didaktisierung der Gegenwartskunst und Nicht-Kritik

Was Leute nicht aushalten würden, so Düttmann weiter, sei, wenn sie nicht wüssten, was das ist, die Gegenwartskunst. Sie würden eine Führung wollen. Wie im Msueum. Dies entspreche einer Pädagogisierung bzw. Didaktisierung. Gleichzeitig sei das obsolet geworden, wenn es um die Gegenwartskunst gehe. Weil es nicht um Kritik oder Deutung gehe. Denn wenn es nur darum gehe, folge Enttäuschung. Wenn es mehr als ein sogenanntes Coffe Table Magazine sein solle – dann müsse es nunmal schon mehr sein. Die Kategorie gut, schlecht gebe es nicht mehr. Dem Werk dürfe, könne, solle man nichts aufdrängen – kein Gut und kein Schlecht. Es werde stattdessen nur beschrieben, auch in den Magazinen, von den Kritikern.

Fragen zum Vortrag Kunst im Kontext #35

Nach dem Vortrag gab es Gelegenheit für Reaktionen. Unter anderem kam die Frage auf, ob man vielleicht nicht zu viel interpretieren wolle, beispielsweise in den Magazinen und im Museum, um Interpretationen offen zu halten. Düttmann verneinte. Wenn man genauer hinschaue, gebe es da nicht viel Interpretaionsspielraum. „Die Interpretationsvielfalt ist gar nicht so groß.“ Die Diskussion wurde mit dem Schluss beendet, dass Gegenwartskunst eigentlich grenzlos sei – und damit alles ist. Frage aus dem Publikum, nachdem die Person erstmal geklärt haben wollte, was eigentlich Kunst selbst sei: „Oder alles ist Kunst?“ Düttmann: „Ja, genau.“

Zum Vortragenden

Alexander García Düttmann, studierte Philosophie in Frankfurt a. M. bei Alfred Schmidt und in Paris bei Jacques Derrida, dessen Werke er ins Deutsche übersetzte. Am Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik der Universität der Künste in Berlin ist er nach weiteren Zwischenstationen seit 2013 tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Kunstphilosophie mit Fragen nach dem Status des Wissens, welchen die Kunst erzeugt. Alexander García Düttmann forscht u.a. zu der Frage, wie die Kunst der Gegenwart durch ihre spezifische Produktion von Wissen einen anderen, widerständigen Diskurs eröffnen kann. Dabei hinterfragt er kritisch, ob die Kunst in ihrem Verhältnis zur Politik nicht schon lange selbst in einer neoliberalen Ideologie aufgegangen ist.